CURRENT & FUTURE

HIRAETH - I carry someone else's memory

Konzept, Regie, künstlerische Leitung: Nadja Puttner
Tanz/Performance/Choreografie: Nadja Puttner, Monika Schuberth
Kontrabass: Nenad Marinkovic
Premiere: 11. Mai 2017

Eine Weiterentwicklung und Wiederaufnahme des Stückes ist für Herbst/Winter 2017/18 geplant. Die Finanzierung ist durch unsere erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne im Rahmen des Bank Austria Kunstpreises gesichert.

WIENER PREMIERE DER NEUFASSUNG: 23. Jänner 2018
DAS OFF THEATER, Kirchgasse 41, 1070 Wien
Weitere Vorstellungen: 24. & 25. Jänner 2018
Get an impression!

„They were not alive at the time. They were not supposed to know. Often, they were not even told. But they know. They know it in their bodies, in every cell of their body. It is almost as if they were born with that knowledge."                                                                                                                                                                                                                                         Natan Kellermann 2015

Mehr als 25 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs träumt ein fünfjähriges Mädchen von Fliegeralarm und Bombenangriffen, die es nie erlebt hat und von denen es eigentlich nichts wissen kann. Jahre später erzählen die Großeltern vom Krieg, den sie im Widerstand gegen die NS-Diktatur teils in Gefangenschaft miterlebt haben. Und sie erinnert sich. Auch an das Gefühl der Hilflosigkeit und des Eingesperrtseins, das sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr loslassen wird.
Ein anderes Mädchen beginnt bereits als Siebenjährige, sich bewusst vom Leben zurück zu ziehen. Bedrückt und eingeschüchtert von dem Schweigen, das in ihrer Familie omnipräsent ist, versteckt sie sich nun selbst hinter einer Mauer des Schweigens. Auch als Erwachsene wird sie nicht wagen, das auszusprechen, was sie wirklicht denkt und fühlt. Aus Angst, wegen ihrer Meinung angegriffen und abgelehnt zu werden.

In HIRAETH beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Erlebnisse und Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern - oft unerkannt - in uns weiterleben und unser Denken und Handeln beeinflussen. 
Hat man früher geglaubt, dass Kinder ausschließlich davon geprägt werden, was sie tatsächlich erleben, so geht man heute davon aus, dass es vor allem die unausgesprochenen, verdrängten Dinge sind, die Einfluss auf die Psyche nehmen. Es wird immer wahrscheinlicher, dass schwerwiegende Traumata der Vorfahren sogar auf biologischem Weg an die Nachkommen übertragen werden können und bei diesen als unbewusste, instinkthafte Ängste zum Ausdruck kommen.

Haben wir nicht nur die Gene unserer Vorfahren „geerbt“, sondern auch deren Geschichte(n)? 

Der europäische Mensch von heute vor dem psychohistorischen Hintergrund der beiden Weltkriege und der darauf folgenden gesellschaftlichen Umbrüche und Revolutionen: Kriegstraumata, Hunger, Verfolgung und Gefangenschaft, brutale Erziehungsmethoden und verdrängte Schuldgefühle der Vorfahren stehen einer steigenden Anzahl von psychischen Beschwerden der Kinder, Enkel und Urenkel gegenüber: Angstzustände, Panikattacken, Albträume, Depressionen und soziale Probleme sind typisch für die Generationen der Nachkriegszeit. 

Sind sie die logische Folge der Ereignisse der letzten 100 Jahre?
Müssten wir als Kinder und Enkel der „Kriegsgeneration“ nicht durchwegs glücklich und dankbar sein, in eine sichere, „heile“ Welt hineingeboren zu sein? Dürfen wir uns überhaupt hilflos und traurig fühlen? Wo es doch anderen auf diese Welt so viel schlechter geht als uns?

Und warum erscheinen uns Krieg, Flucht und Verfolgung oft so unwirklich, wie gruselige Geschichten aus einer fernen Welt, obwohl unsere Großeltern noch unmittelbar davon betroffen waren? Und obwohl wir täglich durch Medienberichte mit aktuellen Kriegsschauplätzen konfrontiert werden und Kriegsflüchtlinge nach Europa strömen? 

Bezugnehmend auf Sozialisierungsbedingungen und Familiengeschichte stellen wir uns auch die Frage, wie ein Mensch zu dem wird, was er ist. Kann eine frühe Traumatisierung als Entschuldigung für böse Taten gelten? Oder haben wir immer „die Wahl“? Kann ich aus der Geschichte meiner Vorfahren lernen, oder ist es besser zu verdrängen und zu vergessen?

Welche Rolle spielt die Vergangenheit in unserer Gegenwart, und wie können wir mit unserem „Erbe“ verantwortungsvoll umgehen?  
Kann es uns dabei helfen, mehr Raum und Akzeptanz auch für Menschen mit anderer Meinung, anderen Lebensmodellen, anderer Herkunft zu schaffen, indem Offenheit und Kommunikation über das Schweigen gestellt wird? 

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